RAIMUND GIRKE

ruhig bewegt


bis 5. Februar 2017
St. Moritz · reformierte Dorf-Kirche

Montag bis Samstag: 10 – 18 Uhr
Sonntag: 11:30 – 18 Uhr

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© Raimund Girke Estate und Stefan Hildebrandt AG

Die St. Moritzer Galerie Stefan Hildebrandt freut sich, unter dem Titel ruhig bewegt eine Ausstellung von eindrucksvollen Werken von Raimund Girke in der reformierten Kirche mitten in der Fussgängerzone des Wintersportortes zu präsentieren.

Die neun grossformatigen und ein Dutzend mittelformatigen Ölbilder des 2002 verstorbenen deutschen Malers Raimund Girke wirken, als seien sie für genau diesen Ort geschaffen worden. Der sakrale Raum und die ausdruckstarken abstrakten Gemälde befruchten sich gegenseitig, bauen Spannung auf und vermitteln gleichzeitig kontemplative und dennoch gespannte Ruhe, stehen für Bewegung ohne Anfang und ohne Ende.

Raimund Girke gehört zu den prägenden Minimalisten der deutschen Nachkriegskunst.
Er hat über fünfzig Jahre ein einzigartiges Lebenswerk geschaffen, das sich konsequent und kontinuierlich entwickelt hat. Die Ausstellung ruhig bewegt, die in Zusammenarbeit mit dem Girke-Nachlass entstanden ist, ermöglicht einen Einblick in das eindrückliche und berührende Werk eines Künstlers voller Intensität, der die Untersuchung der Farbe Weiss ins Zentrum seiner Arbeit gestellt hat: „Ein Bild muss weiss sein, damit es reine Energie ist“.

Raimund Girke wurde 1930 in Niederschlesien geboren. Er studierte zunächst an der Werkkunstschule in Hannover und danach an der Düsseldorfer Kunstakademie als Meisterschüler von Georg Meistermann. In seiner Klasse waren Otto Piene und Heinz Mack. Seit 1971 lehrte er als Professor an der Hochschule der Künste in Berlin. 1977 nahm er an der documenta VI in Kassel teil. Seine Arbeiten sind in zahlreichen Museen und Sammlungen vertreten. 1995/96 fand eine Retrospektive in gleich vier deutschen Museen – Sprengel Museum Hannover, Von der Heydt Museum Wuppertal, Saarlandmuseum Saarbrücken, Kunsthalle Nürnberg – statt.

In der Schweiz wurden Girkes Werke erstmals von Harry Szeemann in der Kunsthalle in Bern im Rahmen der Ausstellung Weiss auf Weiss gezeigt. 2001 widmete sich das MAMCO, das Musée d’art moderne et contemporain Genève dem deutschen Künstler, 2003 die Galerie Beyeler in Basel. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Lovis-Corinth-Preis.

Anfänglich vom Informel beeinflusst, wird Girke der Analytischen Malerei zugeordnet. Der Künstler des Minimalismus sah seine Arbeit in der künstlerischen Tradition des Tafelbildes und fand die Bezeichnung Fundamentale Malerei am treffendsten. Auch wenn man bei Girkes Arbeiten an die Gruppe ZERO denken mag, war der Künstler an der ornamentalen Geometrie, der unendlichen Reihung von Elementen, mit denen die ZERO-Künstler auf den technischen Optimismus der Epoche reagierten, nicht interessiert, entschied sich für seinen eigenen Weg.

Die Untersuchung der Farbe Weiss als Summe aller Farben des Lichts ist das beherrschende Element des Werks von Raimund Girke. Vielfarbigkeit lässt für den Künstler die Farbe nicht zur Geltung kommen. Erst in der Beschränkung auf eine Farbe kommt diese zur vollen Ausstrahlung ihrer Intensität. Für ihn verändert sich Weiss ständig, entwickelt unterschied-liche Energie und Aussage, versetzt in einen Schwebezustand und nimmt dem Bild die Schwere, bringt es in Schwingungen.

Genau diesen Effekt kann der Besucher in der Ausstellung in St. Moritz nachvollziehen. Die Bilder sind mit ihrem intensiven Pinselstrich trotz aller Intensität und Dramatik leicht, sie erinnern durch ihre oft fast schwebend scheinenden Überlagerungen, die die Bilder kaum merklich in Kraftfelder gliedern, an Schneegestöber, an Wasser und Regen, an Urgewalten. Sie bilden das Menschsein und den Raum an sich auf ganz spezielle Weise ab, verbinden Konzentration auf die Mitte und Unendlichkeit auf wunderbare Weise. In dem schlichten weissen Raum stört nichts die Konzentration auf Girkes bildliche Aussagen. Die Arbeiten halten den Blick fest, zwingen dem Betrachter aber nichts auf, lassen Platz für eigene Re­fle­xi­on, für Emotionen, Gedanken und Meditation.

Die gezeigten Werke basieren auf einer Grundierung mit dunkler oder weisser Farbe, aus der er Schicht für Schicht heller wurde, sich zum lyrischen oder dramatischen Weiss hinarbeitete. Oft scheint die Farbigkeit des Untergrundes durch, manchmal fast nur zu ahnen und gibt den Bildern mit den Ocker und Blautönen noch tiefere Dimensionen, erdet oder öffnet in die Unendlichkeit. Das Weiss bleibt trotz aller Dichte und Dicke des 
Auftrags leicht und fast transparent, führt zu ständiger rhythmischer Bewegung im Bild, die durch wechselnden Lichteinfall noch intensiviert wird, schafft Stille, Weite, Freiheit und Beweglichkeit – nicht nur im Bild selbst, sondern gerade auch im Empfinden des Betrachters.

Über die in St. Moritz gezeigten Ölbilder hinaus umfasst Raimund Girkes Werk neben vielen anderen grossen Arbeiten in Öl auch kleinere Bilder – „kammermusikalisches Format“ – wie er es einmal in einem Interview bezeichnet hat, Aquarelle und Gouachen auf Papier, die der Künstler gerade wegen ihrer Flüchtigkeit, dem Skizzenhaften geschätzt hat. Darüber hinaus hat er zahlreiche Texte hinterlassen, die sich mit seiner Arbeit, mit Farbe und Licht befassen.

Die Ausstellung in der reformierten Dorf-Kirche von St. Moritz dauert bis zum 5. Februar 2017. Zu ruhig bewegt ist ein grossformatiger Begleitkatalog erschienen. Er enthält ein Essay von Florian Illies, dem deutschen Journalisten, Kunsthändler, Kunsthistoriker und Buchautor sowie Farbtafeln von allen gezeigten Werken.

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